Eine Prinzessin zwischen Schicksal und Integration

Freitagabend in Zürich. Ein schöner herbstlicher Abend. Unsere Geschichte beginnt auf untypische Weise: Der Zug hat Verspätung und Marketingleiter Stephan Ogg muss den Anlass mit einem Schreckensszenario eröffnen. Der Künstler ist noch nicht hier! Das Problem wird schnell gelöst, die Juventus befindet sich ja in unmittelbarer Nähe des Hauptbahnhofs. Und so kann der Anlass tatsächlich mit lediglich fünf Minuten Verzögerung beginnen. Mit einer zweiten Überraschung.

Lukas Hartmann, der berühmte Berner Autor, liest exklusiv aus seinem noch unveröffentlichten Buch. Zuerst wird aber das ereignisreiche Leben des Autors von «NZZ»-Journalist Urs Bühler vorgestellt: Studium in Germanistik, Psychologie und Musik. Job als Lehrer, Journalist und Medienberater. Und eine Karriere als Maler sowie Autor von Kinderbüchern einerseits und historischen Romanen andererseits.

«Auf beiden Seiten» heisst sein brandneues Werk, und der Schriftsteller wählt aus dem Manuskript eine Szene aus, die in einer Schule stattfindet. Einfacher, sich in die Situation einzufinden, ginge kaum: Unser Abend findet ja in einem Schulzimmer der Juventus Woodtli statt. Die Epoche ist aber eine andere: Der Tian’anmen-Platz hat soeben eine neue Bedeutung erhalten und die Berliner Mauer ist am Fallen.

Das neue Buch erscheint im März 2015, und Lukas Hartmann möchte noch nicht mehr verraten. Dies passt auch zur Geschichte, in der es ebenfalls um Spione, P-26 und Nachrichtendienste geht. Deshalb fliegen wir zunächst in den Süden: Die Insel Sansibar ist unsere nächste Etappe.

Mit grossen Recherchearbeiten hat sich Lukas Hartmann über das Leben der Prinzessin von Sansibar informiert. Gegensätze standen in ihrem Leben im Mittelpunkt: Europa und Afrika, Islam und Christentum, Emily Ruete beziehungsweise Sayyida Salme. Sie verliebte sich in einen deutschen Kaufmann und gab den eigenen Status in Afrika für ein Leben in einer fremden Kultur auf. Doch ihr Ehemann starb kurz nach der Ankunft im Deutschen Reich und die junge Mutter dreier Kinder musste alleine unter der Herrschaft von Bismarck zurechtkommen.

Lukas Hartmanns Roman «Abschied von Sansibar» basiert auf diesen dokumentierten Gegebenheiten und ergänzt allfällige Lücken mit der Weiterentwicklung dieser genau porträtierten Charaktere. Insbesondere die Beziehungen zwischen Emily und ihren Kindern boten dem Autor die Möglichkeit, eine historisch belegte Ausgangslage weiterzuführen.

Dies eröffnet eine interessante Diskussion zwischen Urs Bühler und Lukas Hartmann: Muss es ethische Bedenken oder Skrupel vonseiten des Autors geben? Wäre das Umtaufen der Figuren eine befriedigende Lösung? Der Autor kommt zum Schluss, dass Wirklichkeit, Wahrhaftigkeit, Wahrheit und Faktizität ebenfalls aus unterschiedlichen Perspektiven und somit mit unterschiedlichen Wahrnehmungen betrachtet werden können.

Das Publikum macht mit und stellt Lukas Hartmann einige Fragen. Am meisten fasziniert die Arbeit, welche hinter der Dokumentation des produktiven Autors steckt. Er reise viel, spreche mit den Menschen und besuche bei seiner Arbeit unzählige Bibliotheken und Archive.

Noch mehr beeindruckt aber die Aktualität der Geschichte der Prinzessin aus Sansibar, die in eine komplett fremde Kultur verpflanzt wurde. Dies diskutiert das Publikum auch am Apéro weiter, an diesem Freitagabend in Zürich, diesem schönen herbstlichen Abend. Integrationspolitik ist ja heutzutage in aller Munde – eigentlich gehört das Thema schon fast zum Schweizer Small-Talk-Handbuch. Gleich nach dem Jammern über SBB-Verspätungen.